DE-DolmetscherInnen / ÜbersetzerInnen als politische Partner

EN Discussions on the politics of Babels, alternative interpretation systems, linguistic diversity and the Social Forums
ES Discusiones políticas sobre Babels, sistemas alternativos de interpretación, diversidad lingüística y los foros sociales...
FR Discussions politiques sur Babels, les systèmes d'interprétation alternatifs, la diversité linguistique et les forums sociaux...

DE-DolmetscherInnen / ÜbersetzerInnen als politische Partner

Postby ljesover » Fri Aug 19, 2005 12:03 pm

Übersetzung: Ursula Liebing/Gundi Roth



Liebe Freundinnen und Freunde,

Wir machen uns Sorgen um die politische Entwicklung von Babels innerhalb der neuen politischen Formen und Entwicklungen, die im Sozialforum zu beobachten sind.

Der folgende Text ist ein Vorschlag, den wir mit der Absicht unterbreiten, ihn in die Charta von Babels aufzunehmen. Er ist sowohl Ausdruck unserer gemeinsamen Vorstellung von dem, was unsere Ziele sind, als auch Ausdruck unserer Unterschiedlichkeiten.

Dieses Manifest ist ganz eindeutig ein konstruktiver Beitrag, mit dem wir der zunehmenden Gefahr der Institutionalisierung und des Wiederauflebens alter Gewohnheiten entgegentreten wollen, die unsere Projekte in nächster Zukunft bedroht: die Benutzung geschlossener, privater Mailinglisten anstelle des Babels-Forums , regionale „Koordination“ anstelle projektorientierter Koordination, Institutionalisierung von „KoordinatorInnen“ und „DolmetscherInnen“ anstelle des Einsatzes von Freiwilligen mit gemeinsamen Verantwortungen und Informationen, usw.

Wir hoffen, dass dieses Manifest auf euer Interesse stößt und unsere Ziele zum Ausdruck bringt.

Jose Arconada, Constance Boris, Yan Brailowsky, Thanasis Chrysos, Bettina Gertum Becker, Laurent Jesover, Gabriela Punto Arnao, Monica Salom, Gregoire Seither.

Wir veröffentlichen hier eine erste Version:


MANIFEST
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DolmetscherInnen und ÜbersetzerInnen als politische Partner in den Sozialforen

Als freiwillige MitarbeiterInnen des Netzwerks Babels möchten wir hervorheben, dass in der mehrsprachigen Kommunikation und im Austausch von Ideen verschiedene Veränderungen stattfinden. Diese Entwicklung wurde durch den Prozess des Sozialforums ermöglicht, da sie aus der Dynamik der Sozialforen heraus entstand. Als freiwillige MitarbeiterInnen von Babels und als Teil einer organisierten Gruppe von Menschen, die verschiedene Sozialforen aktiv mitgetragen haben, unterstützen wir diese Veränderungen und möchten diese weiter vorantreiben.

Unsere Erfahrungen als Dolmetscher bzw. Übersetzer (mit Freiwilligem- oder auch anderweitigem Status), Medienaktivisten und Delegierte während der ersten zwei Weltsozialforen haben uns bewusst gemacht, welche Bedeutung Sprachen bei dem kontinuierlichen Bemühen um die Schaffung neuer politischer Räume haben. Es wurde offensichtlich, dass Sprachen nicht nur Kommunikationsmittel, sondern selbst Ausdruck politischer Alternativen sind.

Sprachen dienen nicht nur dazu, Ideen zu vermitteln, sondern sind selbst Ursprung neuer Ideen. Aus diesem Grund drängen wir darauf, die Zahl der bei den Sozialforen vertretenen Sprachen deutlich zu erhöhen, damit mehr Menschen und andere Menschen die Möglichkeit bekommen, sich zu äußern und an den Diskussionen teilzunehmen. Seit der Gründung von Babels hat sich die Zahl der Sprachen, die bei den Sozialforen verdolmetscht werden, von 4 auf über 15 erhöht. Dies hat dazu geführt, dass mehr Menschen teilnehmen können, nicht nur privilegierte Intellektuelle und Aktivisten, die gelernt haben, neokoloniale Sprachen zu sprechen und zu verstehen.

Babels hat sich auch dafür eingesetzt, mehr Gelegenheiten zu schaffen, bei denen internationale Kommunikation stattfinden kann. Verdolmetschung muss überall dort zur Verfügung gestellt werden, wo sie gebraucht wird – von großen Konferenzen bis hin zu Bereichen, wo sich kleine Gruppen von Menschen treffen, um Ideen auszutauschen, Bewegungen zu artikulieren oder konkrete Aktionen vorzuschlagen. Große Veranstaltungen sind genauso wichtig wie kleine Workshops, bei denen sich Basisaktivisten treffen, um die Themen zu besprechen, die sie jeweils betreffen.

Aus diesen Gründen hat Babels kein Kunden-/Arbeitgeberverhältnis zu den Sozialforen: Babels ist ein politischer Partner, der selbst Teil des Sozialforumsprozesses ist, und dabei nimmt Babels die gleiche Stellung wie alle anderen Organisationen, Netzwerke und sozialen Bewegungen ein, die an den Sozialforen teilnehmen.

Der Einsatz von Freiwilligen bei den Sozialforen bedeutet dementsprechend, dass Babels auf allen Ebenen einbezogen und beteiligt ist. Die Zusammenarbeit von Freiwilligen, erfahrenen Experten (berufsmäßigen, ehemals berufsmäßigen oder auch nicht berufsmäßigen) und anderen Menschen mit entsprechenden Fähigkeiten (Übersetzungs- und Dolmetschstudenten, zweisprachige Aktivisten usw.), ist bewusst gewählt. Die Qualität der von den DolmetscherInnen und ÜbersetzerInnen bei den Sozialforen geleisteten Arbeit hängt auch mit dem Engagement und der Mitarbeit der Freiwilligen innerhalb und außerhalb von Babels zusammen.

Babels ist ein virtuelles Netzwerk, das konkrete Gestalt annimmt, wenn 500 bis 700 Freiwillige bei einem Sozialforum zusammenkommen, es ist aber auch ein Kommunikationsnetzwerk, das in der Lage ist, alle am Prozess der Entscheidungsfindung zu beteiligen, und so eine große Bandbreite unterschiedlicher Sichtweisen, aber auch offensichtliche Widersprüche in verschiedenste Projekte einbezieht. Die Werkzeuge, die Babels verwendet und die darauf abzielen, Raum zu schaffen, der für Begegnungen offen ist, stellen eine Art Vermächtnis dar, an dem Freiwillige, die Verantwortung neu übernehmen, sich inspirieren können.

Babels organisiert sich um Menschen herum, die bereit sind, Verantwortung für den Aufbau eines Projektes zu übernehmen, über einen vorgegebenen Zeitraum hinweg und mit einem Team von Freiwilligen, die einander gleichgestellt sind.

Babels organisiert sich um Projekte herum, von denen die meisten mit den jeweils laufenden Sozialforen in Verbindung stehen.

Babels ist ebenso wie die Sozialforen ein Prozess und keine Sammlung von Rezepten.

Der Organisationsprozess basiert auf Autonomie und gemeinsamer Verantwortung. Die Prozesse sind offen und beruhen auf Konsens und Horizontalität. Das bedeutet, dass Babels von niemandem repräsentiert wird und dass niemand im Namen von Babels, sondern nur als Mitglied des Netzwerks Erklärungen abgeben oder Dokumente unterzeichnen kann. Dies wiederum bedeutet, dass es weder eine institutionalisierte Gruppe von „erfahrenen Menschen“ oder „KoordinatorInnen“ noch irgendwelche vorab festgelegten Regeln oder Rezepte gibt, die bei allen Projekten befolgt werden müssen. Die Übernahme von Verantwortung durch neue Teams sollte in Übereinstimmung mit der Entwicklung der politischen Organisation des jeweiligen Sozialforums stattfinden, wobei Lösungen niemals außerhalb des jeweiligen neuen Kontextes gefunden werden können.

Babels ist selbst ein neuartiges politisches Projekt, da es keine Repräsentanten und keine dauerhafte Organisationsform hat. Ältere Organisationsformen wie NGOs, Gewerkschaften oder bereits bestehende Netzwerke führen häufig zu Lobbyismus und Machtkämpfen. Diese Organisationsformen sind jedoch auf Babels nicht anwendbar, da Babels ein gemeinschaftliches internationales Projekt ist, in dem Transparenz, Horizontalität und Zusammenarbeit von entscheidender Bedeutung sind, immer in Hinblick darauf, das politische Ideal der Sozialforen als „offener Raum für Diskussionen, die zu Aktionen führen“ zu verwirklichen.
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